/ November 17, 2017

Einen Sonderstatus gibt es nicht

Für einen erfolgreichen Wiedereinstieg müssen eine Reihe von Regeln beachtet werden, sagt Personalfachfrau Hildegard Haas von Acer.

Hildegard Haas findet es wichtig, den Menschen direkt zu helfen.

© ZVG

Nach einem Arbeitsunfall konnte der italienische Polier nicht mehr auf der Baustelle arbeiten. Seine zertrümmerte Hand liess dies nicht zu. Beim weltweit tätigen Hardwarehersteller Acer, dessen Schweizer Vertretung im Industriequartier Silbern ihren Sitz hat, erhielt er die Chance für einen beruflichen Neustart. Diesen hat er gepackt. Heute repariert der Polier, der sich vorher nur in seiner Freizeit mit Computern beschäftigt hatte, hauptberuflich Geräte im hauseigenen Servicecenter. Intern ist er die erste Adresse, wenn es um die neusten Technologietrends geht.

Hildegard Haas, die als Geschäftsleitungsmitglied der Acer Computer Switzerland AG auch das Personalwesen führt, ist überzeugt, dass gehandicapte und ausgesteuerte Personen mit einfachen Massnahmen wieder in den Arbeitsprozess integriert werden können. «Gerade für Menschen mit Handicaps ist die Arbeit ein wichtiger Bestandteil und die Sinnfrage sehr zentral», sagt sie. Seit 2006 hat sie einem Dutzend Personen eine zweite Chance gegeben. Ihr Geheimrezept für die erfolgreiche Wiedereingliederung ist, dass die Betroffenen keine Sonderbehandlung erhalten. Sie müssen den normalen Bewerbungsprozess durchlaufen. «Wenn ein Mensch ins Unternehmen passt, stelle ich ihn ein», sagt Haas. Auch der interne Status hebt sich nicht von den anderen Mitarbeitern ab. Neulinge stellt Haas stets als Praktikanten vor.

Bewusst Stärken hervorheben

Die Tätigkeiten der Betroffenen sind auf das Handicap zugeschnitten. Bei Acer werden die meisten zu Hardware-Technikern weitergebildet, andere übernehmen Büro- und Lagerarbeiten. Für den Neuanfang brauche es ein individuelles Training, denn viele verstünden anfangs noch nichts von der Branche. «Nach einem Jahr sind die neu eingegliederten Mitarbeiter in der Regel voll in die Arbeitsprozesse integriert», sagt die Personalfachfrau. Hilfsmittel wie eine Übersetzungstabelle erleichtern zum Beispiel die Arbeit jener Personen, die wenig Kenntnisse der deutschen Sprache mitbringen.

Beim Eintritt in das Unternehmen seien die Betroffenen häufig psychisch am Boden. «Deshalb hebe ich bewusst zuerst ihre Stärken hervor. Dadurch gewinnen sie schnell an Selbstvertrauen zurück», so Haas. Diese Veränderungen seien physisch gut sichtbar. Plötzlich sehe man die Betroffenen wieder lachen. «Sie werden Teil des Ganzen. Dadurch vergessen sie teilweise sogar ihre Schmerzen», sagt die Kaderfrau, die sich berufsbegleitend zum Coach ausbilden liess. Die einzelnen Schwächen könnten auch später noch ausgebügelt werden.

Die Freude, die den Betroffenen ins Gesicht geschrieben steht, ist das, was Haas motiviert. «Ich habe auch schon einen Kuchen von einer Ehefrau erhalten, weil ich dem Leben ihres Mannes wieder Sinn gegeben habe», sagt sie. Es ist ihr deshalb wichtig, dass die Betroffenen eine echte Chance erhalten und nicht nur als billige Arbeitskraft eingestellt werden. «Durch das soziale Engagement sind wir viel näher am Menschen und können direkt etwas bewirken», sagt Haas.

Wertschätzung zahlt sich aus

Sie kann vier von fünf Mitarbeitern, die im Rahmen der Wiedereingliederung einen Arbeitsversuch machen, eine neue Perspektive geben. Ein Angestellter habe sogar bereits die Firma gewechselt. Anfänglich musste Haas für das soziale Engagement des Unternehmens kämpfen. Nach den guten Erfahrungen lasse ihr die Geschäftsleitung heute freie Hand. Unterstützung erhalte sie dabei vom taiwanesischen Mutterhaus, das sich die Übernahme von sozialer Verantwortung auf die Fahne geschrieben hat.

Auch bei den Mitarbeitern stosse das Engagement auf grossen Zuspruch, weil sie wissen, dass ihr Unternehmen sie in einer Notsituation nicht fallen lässt. «Die gute Energie, die durch die Wertschätzung erzeugt wird, kommt in Form von Treue und Leistung zurück», so Haas. Dennoch will sie die Mitarbeiter nicht mit Samthandschuhen anfassen: «Trotz allem haben wir hohe Anforderungen, wiedereingegliederten wie auch anderen Mitarbeitern gegenüber.» (Tam)

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